Die Jugend

Irgendwann, so mit 15 oder 16, habe ich angefangen, zur IGJD (Initiativgruppe Jugendtreff Donauwörth) zu gehen, meine älteren Brüder waren da auch aktiv. Ziel war es, ein selbstverwaltetes Jugendzentrum zu bekommen, ein eigenes Haus für unsere Aktivitäten, die zu diesem Zeitpunkt in Kneipen, angemieteten Nebenzimmern usw. stattfanden. Filmvorführungen, Konzerte, Diskussionsabende, die obligatorische Juze-Vollversammlung, ich glaube alle 2 Wochen, um alles zu besprechen, das Programm zusammenzustellen, endlose Diskussionen über Wortlaute in Briefen an den Stadtrat und den Bürgermeister. Irgendwann war es dann soweit, Die Stadt stellte uns ein Haus an der Zirgesheimer Straße zur Verfügung, das dann in vielen Stunden und mühevoller Arbeit selbst von der Gruppe, teilweise mit Geldern von Sponsoren, hergerichtet wurde. Neue Stromleitungen mußten eingezogen werden, Wände teilweise neu verputzt, tapeziert und gestrichen werden, Theke für den Verkauf, die Sitzgruppe im „Grünen Salon“, eine Bühne im „Großen Raum“, der Veranstaltungs-„Saal“ für Filme, Konzerte usw.

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Jugendzentrum in der Zirgesheimer Straße

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Jugendzentrum in der Zirgesheimer Straße

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Auf dem Bild: Nobbi, Tom bei einer Reinigungsaktion der kleinen Wörnitz

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Gordischer Knoten im Jugendzentrum

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Spielenachmittag im Rahmen des Kinder-Ferienprogramms

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Donau-Ufer beim Juze Don

Hier habe ich viele Stunden verbracht, teilweise aktiv, teilweise auch passiv, das Juze war das „Wohnzimmer“.

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Leider ist das Gebäude dann durch einen Brand unbenutzbar geworden und die Stadt hat es dann als Eigentümer abreißen lassen.

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1988 veranstaltete das Juze eine Kunstausstellung von Nachwuchskünstlern aus Donauwörth. Es waren sehr interessante Exponate dabei, teilweise sehr provokativ auch dem Schirmherrn der Veranstaltung gegenüber, der damalige 1. Bürgermeister der Stadt Donauwörth, Dr. Alfred Böswald.

Auch an größere Aktionen haben wir uns gewagt, es entstand der Wunsch, in Donauwörth ein Open-Air zu veranstalten. Das Erste fand mitten in der Stadt auf einer Brachfläche neben dem Hotel „Drei Kronen“ in der Dillinger Straße statt, mit örtlichen Bands.

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Mein erstes Open Air 😉 (ein echtes Polaroid)

Später stellte man uns dann die Landzunge des Baggersees zur Verfügung. Das war organisatorischer und logistischer Aufwand, bis das alles stand. Aber es machte Spaß.

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Auf dem Bild: Wolle, Tom, Hansi (Bild: TB/nachcoloriert)

Irgendwann wurde ich dann auch noch Betreuer beim Kinderzeltlager des Kreisjungendrings, das war auch eine spannende Angelegenheit. 120 Kinder im Alter von 9 – 13, dazu die Betreuer, eine Woche Zelten auf einer Wiese bei einem Bauernhof, die Großküche vom THW. Einmal haben wir den Aufwand so übertrieben, da wurde eine Bühne mit Überdachung aufgebaut, Video-Schnittplätze installiert, der Abschlußabend wurde als Open-Air inszeniert. Wahnsinn!

Zur Erholung fuhr ich auch ab und zu in den Urlaub. Einfach mal ein paar Leute ins Auto und losgefahren, Avignon war ein beliebtes Ziel von mir, mit meinem weißen Skoda war auch die Küche mit dabei, einfach den Kofferraumdeckel hoch und schon hast Du eine windgeschützte Stelle für den Kocher.

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Küchenchef in Südfrankreich (der alte Skoda hatte eine geniale Küche)

Oder auch nach Berlin, Bruder Peter besuchen, der damals in Berlin studierte. Einmal war ich im Gropius-Bau in der Boys-Ausstellung, am faszinierendsten fand ich die Interpretationen der Kunstkritiker, die die Kunstwerke analysiert hatten. Köstlich! Da kam der Gedanke, dass es bei so manchen Kunstwerken Boys nur darum ging, die Leute auf den Arm zu nehmen.

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vor der Berliner Mauer mit Volkszählungsbögen

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Passbild (um 1988)

Zum Passbild noch eine Geschichte: Grenzübergang Friedrichstraße, DDR-Grenzer schaut in den Pass, blickt mir ins Gesicht, wieder in den Pass, wieder ins Gesicht, nochmal in den Pass und nochmals ins Gesicht und sagt dann:“Das sind aber sehr dunkle Gestalten da in Donauwörth!“

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Sichtvermerk DDR

Im Jahr 1988 war auch noch eine größere Fahrt angesagt, veranstaltet vom KJR: eine Sommerfahr in die Türkei mit 2 Kleinbussen, voll besetzt mit insgesamt 18 Leuten. Auf dem Landweg in die Türkei und wieder zurück, mit einer kleinen Rundreise.

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Sichtvermerke Türkeifahrt mit Visum Bulgarien

Ein einschneidendes Erlebnis war das Autofahren in Istanbul, einer Stadt mit damals ca. drei Ampeln, die auch funktionierten, aber komplett ignoriert wurden. Oder der Unfall: Vor uns hielt ein Fahrzeug, um links abzubiegen, wir mit den beiden Kleinbussen auch. Auf einmal hupte es von hinten, ein LKW, vollbeladen mit Betonsteinen, donnerte die abschüssige Straße herunter. Er schaffte es nicht, sein Fahrzeug rechtzeitig zum Stehen zu bringen und fuhr dem Sprinter, ein Mietfahrzeug, hinten rein, zum Glück ist nicht viel passiert, das linke Rücklicht wurde beschädigt und Blechschaden. Die Polizei kam dazu und nahm den Unfall auf. Unsere beiden Fahrer bekamen glaube ich Geldstrafen, und der Unfall-„Verursacher“ war nicht mehr aufzufinden. Es war nämlich so, dass Fahrzeuge, die links abbiegen wollten, mußten am rechten Straßenrand anhalten, bis beide Fahrspuren frei waren und abgebogen werden konnte. Das vor uns fahrende Auto hat dies allerdings nicht gemacht.

Anschließend mußte der Sprinter repariert werden. Also machten wir uns auf die Suche nach einer Autowerkstatt. Wir konnten mit dem kaputten Rücklicht ja nicht weiterfahren. In der nächsten größeren Stadt also die Werkstatt unseres Vertrauens angefahren. Alles kein Problem, meine der „Autoschmied“, das bekommen wir wieder hin. Nur das mit dem Licht könnte problematisch werden, da müsse er mal nachsehen, was er für uns zun kann. Mit einem Riesen-Schlegel wurde die Beulen wieder nach außen gearbeitet. Später kam er wieder mit einem Aufbau-Rücklicht von Skoda. Passt. Also noch eine Halterung dafür hergestellt: Flachstahl gebogen, Befestigungspunkte angezeichnet, Schweißbrenner angestellt und die Löcher in den Flachstahl eingebrannt, so einfach geht das, wenn gerade kein Bohrer zur Hand ist. Am nächsten Tag konnten wir das Auto wieder abholen, er hat dann erklärt, dass er das Autoradio über Nacht ausgebaut hatte, weil „in Türkei viel zao zerap“. Und eine kleine Testfahrt mußte er auch machen, meinte er. Nach unserem Fahrtenbuch waren es mehr als 100 km.

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Mit dem Kreisjugendring wurden dann auch andere Veranstaltungen durchgeführt. Jugendtage als „Messe“ der Jugendarbeit, mit Abschlußkonzert in einer Dreifachturnhalle. Bands aus dem ganzen Landkreis. Das war dann auch die Geburtsstunde der musikalischen Laufbahn von mir. Zum ersten Jugendtag in Harburg wurde „H-H Acoustics & Friends & Rhythm Combination & Brass“ aus der Taufe gehoben. Ein Juze-Projekt von Leuten, die sich größtenteils bei der Juze-Arbeit kennengelernt hatten. Eine Ansammlung von Nicht-Musikern und Musikern, die zusammen die „Ölpest der Tonkunst“ zelebrierten. Das war so schlecht, dass es schon wieder gut war. Zu diesem Zeitpunkt wurde ich dann zu „Bongo-Tom“, dazu machten mich Mike und Hermann von der PA, da war ich nämlich „Bongo-Tom auf 4“. Später wurde ich dann vom bloßen Bongospieler zum Sänger befördert, ob das allerdings ein Gewinn fürs Publikum war, ist dahingestellt. Da hießen wir dann aber „H-H Acoustics & Friends“.

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Auf dem Bild: Tom, Hansi, Uko, Hörman (sieht nach Probe im Juze Don aus)

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Auf dem Bild: Gyms, Hörmän, Uko, Hansi, Tom (offizielles Bandfoto)

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Bandaufkleber

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Auf dem Bild: Tom (Donauwörth, Baggersee-Open-Air)

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Auf dem Bild: Hörmän, ?, Hansi, Tom (Donauwörth, Baggersee-Open-Air)

Irgendwann brach diese Truppe dann auseinander, eine neue Band wurde gegründet, die „Canadian Woodburning Outsteppers“. Der Bandname wurde dem Buch „English for Runnaways“ entnommen. Hier ging es dann schon etwas kräftiger zur Sache, E-Gitarren, Bass, Schlagzeug, Bläsersatz und mit mir als Sänger.Ein prägendes Erlebnis war das Open-Air in Schweinspoint, ich im grünen Kleid, „Sind so kleine Biere“ singend, völlig unbetroffen, und das auch noch am Nachmittag und dazu noch fast nüchtern. CWO löste sich dann 1990 auf, ich glaube, es war dann einfach zu problematisch, die Leute, die dann mit Studium usw. beschäftigt waren und sich in alle Himmelsrichtungen verstreuten, zusammenzuhalten.

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Logo für das Demo-Tape (handgemalt!)

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Der Bandbus

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Auf dem Bild: Wolle, Tom, Häns, Gyms (ich glaube, Harburg Bockfestival)

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Auf dem Bild: Stefan, Tom, Wolle (wie oben)

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Setlist vom ?

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Auf dem Bild: Voffi, Tom, Matze (bei welcher Gelegenheit, kann ich leider nicht sagen)

Mit CWO wurde dann auch beschlossen, eine „PA“ anzuschaffen, einen 16-Kanal-Mischer, Mikros, Boxen usw. Daraus wurde dann CWO – Strange Stage Sound System. Die Anlage haben wir dann auch teilweise über den Landkreis hinaus verliehen, vor allem für Punkkonzerte in anderen Juzes, die erfahren hatten, dass es hier für billig Geld Menschen gibt, die alles abmischen. So habe ich z. B. im Juze Wemding einmal „WIZO“ abgemischt, ich glaube vor ca. 20 Leuten, mit Fratz am Schlagzeug, weil der eigentliche Drummer krank war oder so.

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Ankündigungs-Flyer

Mit Matze von der Kynkl-Crew wurde dann das „Sunshine-Projekt“ ins Leben gerufen, vor allem, da ich mir nicht zu schade war, einen Text zu singen, der soetwas von strange war, dass ihn nicht einmal die Kynkl-Crew auf die Bühne brachte. „Sonnenschein und Apfelbaum“, ein 7-minütiges Stück vom Regenmädchen. Furchtbar. Aber wir waren jung und uns war nichts peinlich 😉 Das Sunshine-Projekt wurde später duch Kurt und Hansi verstärkt, wir haben sogar bei einem Bandwettbewerb in Augsburg teilgenommen! Aber wie so alles, was wir machten, es polarisierte. Das normale Augsburger Publikum konnte mit unserer Musik nichts anfangen. Was solls. Wir hatten unsere Fans und uns machte es Spaß. Das war das Wichtigste.

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Auf dem Bild: Matze, Kurt, Hansi, Tom (offizielles Promo-Foto)

Später dann wurde aus dem Sunshine-Projekt eine neue Gruppe, diesmal nur Matze und ich, „Die Herzwilden Deckbuben“. Der Bandname entstand, als Matze und ich mit dem Zug von einer Party in Bamberg nach Hause fuhren. Mein Auto hatte bei Forchheim den Geist aufgegeben (was nebenbei dazu führte, dass ich aus dem ADAC austrat, aber das ist eine andere Geschichte). Also in verkaterter Stimmung (oder war es ein Restalkohol-Hype?) waren wir auf der Suche nach dem Namen der neuen Kapelle, wie wir schlußendlich darauf kamen, kann ich allerdings nicht mehr sagen, aber das ist ja eigentlich auch nicht wichtig. Das war dann auch die Zeit, in der ich instrumententechnisch das meiste zu tun hatte. Programmierung des Drum-Computers, bei jenem Stück Gitarre, dort mal Bass, hier man Keyboard. Die „Herzwilden“ waren dann auch mein musikalisch aktiver Schlußpunkt.

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Konzert-Ankündigung in der Donauwörther Zeitung

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Auf dem Bild: Tom, Matze, aufgenommen in der Schellenberg-Wirtschaft

Ich gab nicht nur Konzerte, sondern besuchte auch welche. Kleine Konzerte in Donauwörth und Umgebung, im Juze, in Harburg, Nördlingen, Wemding, Dillingen …, aber auch größere in München, Berlin, Ulm, Augsburg …

Ein Open Air ist mir in Erinnerung geblieben, September 1990 in Ulm:

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Ich ging vor allem wegen Midnight Oil, Pixies und Nem Model Army hin, leider war die ganze Bühnenausstattung und Beleuchtung auf Bowie ausgerichtet, sodass die vor ihm spielenden Bands optisch nicht ganz so zur Geltung gekommen sind, wie vermutlich von diesen gewünscht. Akustisch war es für mich jedenfalls ein Vergnügen, während des Bowie-Auftritts sind wir dann gefahren …

Ach ja, sportlich betätigte ich mich auch. Ich spielte Dart. Im Juze gründeten sich die „Dartbreakers“, es wurden auch Turniere durchgeführt und auch zu Turnieren gefahren. Das Größte, an das ich mich erinnere, war in Erlangen, eine offene deutsche Meiterschaft, wir sind zu viert in Hansis R5 angereist, haben in einem Unterstand hinter der Turnhalle im Schlafsack übernachtet, sind dann alle bis auf Ron in der ersten Runde ausgeschieden, Ron kam immerhin eine Runde weiter. Klasse war auch ein Turnier in München, im 5. Untergeshoß in einem Fitness-Center, Beginn Vormittags, irgendwann wußte man nicht mehr, wie spät es war, da dort immer Kunstlicht. Hier auch ein prägendes Erlebnis in Bezug auf Nahrungsaufnahme: Wir sind dann zusammen in ein Schnellrestaurant in der Nähe gegangen „Zum Zum“, ein Restaurant, in dem alles gleich schmeckte, nämlich nach Nichts. Das war vorteilhaft, dann konnte es nämlich nicht schlecht schmecken 😉

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Auf dem Bild: Mirfälltdernamenichtein, Ron, Roger, Hansi, Mirfälltdernamenichtein, Tom, Tine, Piet, Werner, Malte

Und mit dem Juze waren wir immer Skifahren. Ein Wochenende, 1 – 2 Reisebusse voll, ich hatte mich eher der Schlittenfraktion angeschlossen.

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Auf dem Bild: Viele

Und ab und zu haben wir auch etwas getrunken, dann aber stilvoll. Wir haben Cocktailparties organisiert, erst im kleinen Rahmen, aber irgendwie wurde das immer größer.

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Auf dem Bild: Stahli, Eimer, Tom, Malte, Assi, Kurt, Werni, Bene, Voffi

Seitdem lebe ich mein spießiges Leben in wohlgesitteten Verhältnissen.